Das Karma-Paradoxon
ph, Thema: Kommunikation, Donnerstag, 13. Mai 2010, 15:55

In David Safier's Roman „Mieses Karma“ wird die TV-Moderatorin Kim Lange am Gipfel ihrer Karriere von den Trümmern einer russischen Raumstation erschlagen und reinkarniert als Ameise. Da begegnet sie dem wiedergeborenen Casanova in seinem 115. Leben als eines dieser staatenbildenden Insekten.

Gemeinsam beschließen sie, gutes Karma zu sammeln, um in ihrem nächsten Leben als höhere Lebewesen zu inkarnieren.

Gutes Karma sammelt man, indem man Gutes tut. Die Sache hat nur einen Haken: Man darf die guten Taten nicht vollbringen, um gutes Karma zu sammeln. Das wäre der falsche Grund für die richtige Handlung. So zumindest erklärt es Buddha der Moderatorin, als er sie in einer ihrer niedrigen Inkarnationen begrüßt.

Damit stellt der Erleuchtete sich auf eine Ebene mit der Ehefrau, die von ihrem Mann klagend verlangt, er solle ihr doch öfter Blumen schenken, aber nicht weil sie sich das eben von ihm gewünscht hat, sondern aus seinem eigenen freien Willen.

„Sei-spontan!“-Paradoxie wird diese Form der Kommunikation in der Psychologie genannt.

Paul Watzlawick schreibt dazu in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“: „Von all den Knoten, Dilemmata und Fallen, die sich in der Struktur menschlicher Kommunikation einbauen lassen, ist die sogenannte „Sei spontan!“-Paradoxie sicherlich die weitestverbreitete. […] Auf Befehl etwas spontan zu tun ist ebenso unmöglich, wie etwas vorsätzlich zu vergessen oder absichtlich tiefer zu schlafen.“

Da es praktisch unmöglich ist, einem solchen paradoxen Appell nachzukommen, ist diese einfache Taktik hervorragend dazu geeignet, im anderen tiefe Schuldgefühle zu erzeugen. In der Psychologie wird dieser Kommunikations-Stil von manchen Autoren auch als direkter Auslöser für Schizophrenie beschrieben. Das schizophrene Verhalten ist dabei für den Betroffenen der einzig mögliche Ausweg aus diesem logischen Dilemma.

Kim Lange schafft es dennoch, sich aus dieser sprachlichen Falle zu befreien, und wird nach einigen Inkarnationen als Meerschweinchen, Kuh, Regenwurm, Kartoffelkäfer, Eichhörnchen und Hund schließlich als Mensch wiedergeboren.

Was aus der Ehe der Dame mit dem Blumenwunsch wurde, weiß ich allerdings nicht.

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Wussten Sie, dass Sie vier Ohren haben?
ph, Thema: Kommunikation, Donnerstag, 8. April 2010, 13:52

Das jedenfalls behauptet Friedemann Schulz von Thun, einer der führenden Kommunikationswissenschaftler im deutschsprachigen Raum.

Sie greifen sich jetzt vielleicht an die Ohren und zählen nach: eins links, eins rechts, … Da sind nur zwei!

Wie kommt der Mann auf die Idee?

Schulz von Thun geht davon aus, dass jede Botschaft vier Inhaltsebenen oder -seiten hat:
  1. Der Sachinhalt = Worüber ich informiere.
  2. Die Selbstkundgabe = Was ich dabei über mich selbst mitteile.
  3. Die Beziehung = Was ich von meinem Gegenüber halte und wie wir zueinander stehen.
  4. Der Appell = Wozu ich mein Gegenüber veranlassen möchte.
Auf allen vier Ebenen oder Seiten der Nachricht sind explizite (ausdrücklich formulierte) und implizite (nicht direkt ausgesprochene) Botschaften möglich.

Ich möchte das anhand eines Beispieles illustrieren: Nehmen wir an, jemand sagt (1. Sachinhalt): „Der Wein ist aus.“ Vielleicht möchte er damit mitteilen (2. Selbstkundgabe), dass er noch durstig ist. Auf der (3.) Beziehungsebene könnte er auch meinen: „Du kümmerst dich nicht genug um mich!“ Und/oder er möchte den Gesprächspartner dazu bringen (4. Appell), eine neue Flasche zu holen.

Meist schwingen alle vier Seiten der Nachricht auf die eine oder andere Art und Weise mit. Der Empfänger hört prinzipiell auch alle vier Botschaften (mit seinen „vier Ohren“), aber – und das mach Kommunikation oft so kompliziert – nicht jede gleich laut.
  1. Manche Menschen stürzen sich vor allem auf die Sachseite der Nachricht und ignorieren dabei alle anderen Anteile. Das führt regelmäßig da zu Problemen, wo es nicht um eine sachliche Differenz geht, sondern um eine Auseinandersetzung auf der zwischenmenschlichen Ebene.
  2. Andere richten ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die Beziehungsebene und nehmen auch neutrale Aussagen persönlich. Sie beziehen alles auf sich, fühlen sich schnell angegriffen und beleidigt.
  3. Seelisch gesünder erscheint es da schon, ein empfindliches Selbstkundgabe-Ohr zu haben und sich zu fragen: Was sagt mir das über Dich? Wenn diese Hörweise zu penetrantem Psychologisieren wird, macht man sich damit allerdings auch keine Freunde.
  4. Vielen Menschen ist auch im Verlauf ihres Lebens ein übergroßes Appell-Ohr gewachsen: In dem Wunsch, es allen recht zu machen und auch den unausgesprochenen Erwartungen der Anderen zu entsprechen, hören sie in jeder Aussage eine Aufforderung, der sie auch sofort nachkommen.
Sowohl einseitiges Senden (implizit oder explizit) als auch einseitiges Empfangen (immer mit dem gleichen „Ohr“) führt unweigerlich zu Kommunikationsstörungen.

Dazu Schulz von Thun: „Missverständnisse sind das Natürlichste von der Welt, sie ergeben sich fast zwangsläufig schon aus der Quadratur der Nachricht.“

Oder, an anderer Stelle: „Vielfach haben die Empfänger die Tendenz, in die unklaren Seiten einer Nachricht etwas hineinzuhören, was aus dem reichen Schatz ihrer Phantasien, Erwartungen und Befürchtungen stammt – so empfangen Sie gleichsam sich selbst und füllen ihre Seele mit dem eigenen Material.“

Literatur: Friedemann Schulz von Thun: Miteinander Reden 1, Störungen und Klärungen, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 2009

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Petra Hennrich
Grafikerin, systemische Coachin, Trainerin, Künstlerin
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