Mind the Gap!



In den letzten Wochen war immer wieder zu hören und zu lesen, Österreich sei „gespalten“. Es gehe ein „Riss durch das Land“, der die Bevölkerung in „zwei Lager“ teile. Doch ist das so? Und wenn ja, wie hat sich diese Spalte so plötzlich aufgetan? Nun ja, zunächst einmal: nicht „plötzlich“, und auch nicht von selbst …

Mir fiel bei den Diskussionen der letzten Zeit ein Buch ein, das ich kürzlich gelesen habe: „Systemfehler. Spaltungsrhetorik als Entpolitisierung von Ungleichheit“ von Alexandra Weiss für den ÖGB-Verlag. Darin sammelt die Herausgeberin Beiträge namhafter WissenschaftlerInnen über derzeitige Krisendiskurse und die damit einhergehende bzw. dadurch herbeigeredete Verschärfung der gesellschaftlichen Spaltung.

Der Sammelband will „den diversen Spaltungsdiskursen und den damit verbundenen (rechts-)populistischen Diskursstrategien auf den Grund gehen, um die dahinter liegenden sozialen Verhältnisse, ihre widersprüchliche Neubestimmung und Umformung“ (Weiss 2014, S. 16) analysieren.

Zum Beispiel beschreibt Jörg Flecker, wie die Veränderungen in der Arbeitswelt und die damit einhergehende Unsicherheit, materielle Einbußen, Abstiegsgefährdung sowie Mangel an Anerkennung zur Stärkung der Rechten beitragen. Er bezeichnet den sogenannten „Rechtsruck“ als „konformistische Rebellion“, in der die Menschen sich gegen „das System“ wenden. Das zunehmende Gefühl der Machtlosigkeit, Elitenpolitik und Demokratieverlust bereiten den Boden für undemokratische rechtspopulistische Parteien und Bewegungen, so der Autor.

Auch Klaus-Dieter Mulley beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Entwicklung des österreichischen Rechtspopulismus ab den 1980er Jahren und sieht die Gründe für dessen Erfolg in wachsender sozialer Ungleichheit, Abbau des Sozialstaates und Ohnmachtsgefühlen bei den Betroffenen. Nur eine Abkehr vom Neoliberalismus könne dem Rechtspopulismus und Rechtsextremismus den Boden entziehen.

Weitere Beiträge beschäftigen sich mit Feminismus, Emanzipation und „Männlichkeitskrise“, gesundheitspolitischen Aspekten von Individualisierung und Spaltungspolitik, Rassismus als „einfache Lösung“ arbeitsmarktpolitischee Probleme, Migration als Folge globaler Ungleichheit und der – nicht nur finanziellen, sondern auch demokratischen – Krise in Griechenland und deren Folgen.

Ein Buch, das in keiner politischen Bibliothek fehlen sollte.




Ausblick
Damit dieser Artikel nicht gar so pessimistisch endet, möchte ich nun doch auch meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass mit der Wahl von Alexander Van der Bellen zum Bundespräsidenten und der Berufung von Christian Kern zum Bundeskanzler eine neue Zeit heranbrechen könnte. Ich sehe dies als einmalige – und vermutlich letzte – historische Chance für Österreich, den Rechtspopulisten das Wasser abzugraben und aus dem herbeigeredeten Riss in der Gesellschaft ein neues Pflänzchen des Zusammenhalts und der Demokratie wachsen zu lassen. Wir haben gezeigt, was wir gemeinsam schaffen können. Vergessen wir das nicht!


Weiss, Alexandra. 2014. Systemfehler. Spaltungsrhetorik als Entpolitisierung von Ungleichheit. Wien: Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes.



Petra Hennrich Creative Coaching
Grafikerin, systemische Coachin, Trainerin, Autorin
Lindengasse 14/3/5, 1070 Wien, Tel.: 0660 34 09 471
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